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Die Charité als Medizinische Fakultät der
Humboldt-Universität zu Berlin erfuhr mit der Modernisierung bestehender
Gebäudeteile und dem Neubau u.a. des weithin sichtbaren Hochhauses zu Beginn der achtziger Jahre baulich eine ihrem international bekannten
wissenschaftlichen Stand adäquate bauliche Aufwertung.
s&r entwickelte Kundenwunsch - Leittechnik für Berliner Charité
Dezentrale Automation bereits seit Beginn der Achtziger
Auch in der Gebäudeautomation
setzte man das beste ein, was in der damaligen DDR verfügbar bzw. entwickelbar
war. Das GRW Teltow hatte Ende der siebziger mit ersten Entwicklungen für ein
Gebäudeautomationssystem auf der Basis des 8-bit-Prozessors U880
(Nachentwicklung des Z80 von Zilog) begonnen. Entwickelt wurden damit
Unterstationen, die bis zu 64 digitale bzw. analoge Anlagendatenpunkte umfassen
konnten, sowie ein Leitrechner, der ebenfalls auf dem U880 basierte. Das neu
entwickelte System erhielt den Namen GAA5000 und wurde in den achtziger Jahren
dann auch in etwa einem Dutzend weiterer Neubauvorhaben und modernisierter
Gebäude im Ostteil Berlins eingesetzt – so auch in der Staatsoper Unter den
Linden. Letztendlich blieb die Charité jedoch hinsichtlich Umfang und
Bearbeitungszeitraum das größte Projekt, hier wurden zwischen 1981 und 1990
knapp 200 Unterstationen mit ca. 800 Anlagen in Betrieb genommen.
Spezialitäten der damaligen Hard- und Software

Der Leitrechner des GAA5000-Systems basierte ebenfalls auf
dem U880 und enthielt eine umfangreiche Peripherie zur Kommunikation mit den
Unterstationen, zu Aus- und Eingabegeräten sowie zu einem optionalen weiteren
Leitrechner.
Nach Untersuchung
versch
iedener Kommunikationsvarianten entschieden sich die Entwickler des GRW
Teltow für eine serielle Kopplung der Unterstationen mit dem Leitrechner über
eine 60 Volt-Stromschleifenschnittstelle, da Entfernungen bis zu einigen
Kilometern ohne Repeater zu überbrücken waren. Am Leitrechner konnten bis zu 16
derartiger Linien mit bis zu 16 Unterstationen angeschlossen werden – insgesamt
also 256 Unterstationen mit entsprechend großer Datenpunktzahl. Andererseits
standen dem Leitrechner nur 64 Kilobyte Adressraum zur Verfügung – davon
lediglich 16 KB als RAM für 800 Anlagen. Weiterhin gab es keinerlei
Massenspeicher - Programme und Daten waren auf EPROM gebrannt, aktuelle
Ausgaben und Trendlogs erschienen auf dm Bildschirm bzw. wurden sofort
ausgedruckt. Kein Wunder, dass bei dieser permanenten Speicherknappheit alle
nur möglichen Daten und Programmteile auf die Unterstationen ausgelagert
wurden, die ja jede für sich 64 Kilobyte adressieren konnten. So entstand ein
frühes Bespiel konsequent dezentraler Automation. Aber auch im Bereich der
logischen Strukturierung leistete man Pionierarbeit – es wurden 127
strukturierte Datenpunkttypen ermöglicht, die jeweils eine logische Einheit von
Soll- und Istwerten eines Anlagenteils repräsentieren. Als Beispiel sei
Datenpunkttyp 2 „zweistufiger Lüfter mit Hilfsluftkontrolle“ genannt. Er
vereinigt zweistufige Ansteuerung des Lüfters, Erfassen Reparaturschalter,
Rückmeldungen zu Stufe 1 und 2 sowie mechanische und Hilfsluftfehler mit der
zugehörigen Generierung von Störungsmeldungen an den Leitrechner.
Als dritte wesentliche Besonderheit des GAA5000-Systems ist
der gewerkeübergreifende Ansatz zu sehen, der erst Mitte der neunziger Jahre
von modernen herstellerneutralen Systemen wie LON® großflächig in
Projekte eingebracht wurde. Das GAA5000-System lä
;sst die logische Strukturierung
in bis zu 16 Gewerke zu. Im Projekt Charité wurden die Gewerke Aufzug,
Brandschutz, Elektro, Telekommunikation, HKL, Sanitär, Wasseraufbereitung und
technische Gase eingebunden.
Jungbrunnen für immer noch leistungsfähiges System

Mit der quasi-Auflösung der ostdeutschen Industrie Anfang
der neunziger Jahre entstand für die Betreiber von GAA5000-Systemen eine
schwierige Situation, da Ersatzteile nur noch aus Altbeständen verfügbar waren
und keine Weiterentwicklung dieser Technik mehr erfolgte. Die meisten Betreiber
ersetzten die GAA5000 durch nun am Markt verfügbare Technik. In der Charité
zeigte sich schnell, dass das komplette Ersetzen der etwa zehn Jahre alten
Technik einen nicht tragbaren Kostenaufwand bedeuten würde – immerhin wären
etwa 800 Anlagen mit Sensorik und Aktorik zu ersetzen gewesen. So setzte man an
den Hardware-Schwachpunkten der GAA5000-Technik an und erhöhte durch Bestückung
der Unterstationen mit modernen Speicherchips die Zuverlässigkeit enorm.
Außerdem übertrug man in einigen wenigen Bereichen – wie z.B.
Notnetzumschaltung - die Funktionen auf neue Systeme. Es verblieb das im
Betrieb befindliche GAA5000-System für etwa 750 Anlagen als Insellösung in der
Charité mit dem in der Zwischenzeit fast nicht modifizierten Leitrechner – d.
h. ohne Schnittstellen zu handelsüblicher IT, ohne Backupmedium, ohne
Filesystem, ohne neue Ersatzteile. Einige mit anderen Automatisationsvorhaben
an der Charité beauftragte Firmen versprachen kurzfristig einen Austausch des
GAA5000-Leitrechners durch ihr marktgängiges Leitsystem – leider ohne Erfolg.
So beauftragte letztendlich der Berliner Senat das
Ingenieurbüro c.a.e.s.a.r. Ingenieure mit der Planung und Ausschreibung eines
modernen Leitrechnersystems als Kopfstation des GAA5000-Netzwerkes und seiner
Unterstationen. Entsprechend den heutigen Anforderungen wurden ein
Client-Server-basiertes System sowie eine OPC-Server-Schnittstelle vorgegeben.
Mit Ausnahme der physischen Schnittstellenwandler zu den 60 Volt-Stromschleifen
war eine Lösung mit am Markt verfügbaren Standardkomponenten gefordert. Anfang
2003 erhielt die Berliner Firma s&r Schalt- und Regeltechnik GmbH den
Zuschlag, weil sie bereits in der Vergangenheit Dienstleistungen für
Sonderlösungen im Bereich Gebäudeautomation erfolgreich meisterte und dabei
sehr preisgünstig agieren konnte.

Mit Auftragserteilung wurden nach innerhalb weniger Wochen
leistungsfähige Analysewerkzeuge wie Stromschleifenkoppler, LowLevel-Monitor
und Protokollinterpreter erstellt. Diese Werkzeuge erwiesen sich auch als
äußerst notwendig und hilfreich, weil Teile der ursprünglichen
Herstellerdokumentation unvollständig, widersprüchlich oder gar nicht an den
Betreiber übergeben worden waren.
Nach Abschluss der wesentlichen Analyseteile wurde ein
Pflichtenheft erstellt und mit dem Betreiber abgestimmt. Für die Erstellung des
neuen Systems verbot sich das Nachempfinden der kaum dokumentierten
U880-Assemblerprogramme aus den Achtzigern wegen der geforderten flexiblen
Client-Server-basierten Lösung und dem engen Zeitrahmen. Stattdessen wurde in
kürzester Zeit auf der Basis moderner objektorientierter Softwaretechnologien
und unter effektiver Nutzung bereits im Hause s&r existierender
Softwarebausteine die geforderte Leitstandssoftware entwickelt, parallel dazu
die spezifischen Schnittstellenkoppler für sechzehn Kommunikationslinien. Das
System wurde von Juli bis September 2003 ausgiebig getestet, so dass Anfang
Oktober mit gutem Gewissen auf die neue Technik - s&r G
AA5003 -
umgeschaltet werden konnte. Es gab seit dieser Zeit keine schwerwiegenden
Ausfälle. Derzeit wird der ebenfalls von s&r gelieferte OPC-Server
getestet, um ausgewählte Daten auch auf übergeordneter Leittechnik verwenden zu
können.
Hervorzuheben ist, dass die Firma s&r während der
gesamten Tätigkeit stets ausgezeichnete Unterstützung durch die
verantwortlichen Mitarbeiter der Charité und das Planungsbüro c.a.e.s.a.r.
Ingenieure erhielt.
Zukunftsfähige Lösung von s&r
Das s&r GAA5003 System besteht aus den Bestandteilen
- Zwei 8-Kanal-Linienkoppler Stromschleife/RS232, eingebaut
im 19“-Serverschrank
- Serverhardware (Intel-basierend) , eingebaut im
19“-Serverschrank, mit redundanter Technik und USV für Server und Linienkoppler
- GAA5003-Serverbetriebssystem als automatisch startender
Dienst
- GAA5003-Clients als bedarfsweise zu startende Programme
auf verschiedenen Bedienstationen im Campus-Netzwerk des Betreibers
Herzstück des Systems ist der GAA5003-Server. Er wurde so konzipiert, dass - entkoppelt von Bedienereingriffen an den Clients - auf dem Server alle wichtigen Funktionen und Daten gehalten
werden. Dies sind u.a.
- Halten der gesamten statischen und dynamischen
Datenbank
- Ständige Ereignisabfrage der Feldebene und
Meldungsverarbeitung mit Protokollierung auf Drucker und Dateien,
Kommunikatonsüberwachung
- Realisierung sämtlicher automatischer GLT-Funktionen
wie ereignisorientierte unterstationsübergreifende Kommunikation, Ausführung
von Zeitschaltbefehlen, Schreiben von Trendlogs etc.
- Datenserver zur Bedienung der Clientanfragen
- Verwaltungsprogramm zur grundlegenden Einstellung der
Servereigenschaften
Derzeit sind vier GAA5003-Clientprogramme verfügbar :
- GAA5003-Konsole - für die textbasierte Bedienung des
GAA-Systems ähnlich der Bedienoberfläche der bisherigen Kopfstation
- GAA5003-Eigenschaftseditor – zum komfortablen Zugriff
auf den Datenbankinhalt des Servers (Editieren von Datenstrukturen sowie
sämtlicher automatischer Leitzentralenfunktionen, von Klartexten, Export- und
Import-Schnittstelle)
- GAA5003-OPC-Server zur Kopplung an übergeordnete
Systeme (Data Access Version 3 und Alarms and Events Version 1)
- GAA5003-Batch-Client
Vorteile für den Betreiber
Neben der enormen Erhöhung der Zuverlässigkeit der
Kopfstation und damit des Gesamtsystems ergeben sich für den Betreiber folgende
weitere Vorteile :
- Nutzungsmöglichkeit der vorhandenen Unterstations- und
Anlagentechnik für geschätzt weitere zehn Jahre
- Einsatz standardmäßiger Hardware (Ausnahme
Linientreiber als separate Baugruppe), damit Lösung des Ersatzteilproblems
- Ausschließliche Voraussetzung von gängigen
Standard-Betriebssystemen (Microsoft Windows®2000 Workstation bzw. Server)
- Variabilität in der Positionierung und Nutzung der Bedienstationen
- Entkopplung von Bedienerumgebung und hoch priorisierten
Systemaufgaben
- Umfangreiche statische Export-/Import-Schnittstelle zur
Generierung oder Weiterverarbeitung von Prozess- und Anlagendaten mit
Office-Anwendungen
- Dynamische Schnittstelle gemäß OPC-Spezifikation zum
Austausch von Prozessdaten mit übergeordneten Leitsystemen oder weiteren
Spezialapplikationen (z. B. spezielle Trendlogger oder Ereignistriggern zum
Auffinden von Anlagenfehlern)
- Nutzerverwaltung eingebettet in das strukturierte
EDV-Konzept des Betreibers, dadurch flexibel anpassbar
- Universelle Parametrierbarkeit der Datenbanken für
Anlagen- und Unterstationsstruktur, Klartexte, Zeitpläne, Trendlogs und
Leitzentralenmaßnahmen
Ausblick
Als Ergänzung der bereits bestehenden Gruppenbefehle des
GAA5003-Systems ist eine Script-Engine als weiteres Clientprogramm in Arbeit.
Damit sollen dem Bediener des GAA5003-Systems zeitraubende Bedienaktionen nach
umfangreichen Systemeingriffen (wie z.B. Test Notnetzbetrieb) abgenommen
werden. Mit dem Einpflegen dieser Script-Engine wird das Projekt Erneuerung
Kopfstation Charité abgeschlossen und steht damit in einer umfangreichen Reihe
von Spezialdienstleistungen, die die Fa. s&r zur Zufriedenheit ihrer Kunden
ausführen konnte. Dazu zählen u.a. Arbeiten in der Analyse und Umstrukturierung
vorhander Anlagen – wie für die Deutsche Bahn AG am Berliner Ostbahnhof und
Bahnhof Friedrichstr. In jedem Fall sind dabei zuverlässig funktionierende
Anlagen und zufriedene Kunden oberstes Ziel der Tätigkeit von s&r. Neben
klassischen MSR-Anlagen sind weitere Geschäftsfelder der Firma s&r
- Soft- und Hardware zur Steuerung und Analyse von
dezentralen Energieanlagen
- Entwicklung, Projektierung und Inbetriebnahme von
Energieerzeugern auf der Basis PEM-Brennstoffzellen
- LonWorks®-Systemspezialist mit Messtechnik
und Multivendorwand, je nach Projektanforderung mit LNS®-Tool oder
Netzwerkmanagement ohne Lizenzgebühren, Spezialgebiet Rekonstruktion von
Netzwerkdatenbanken
Vielleicht wollen auch Sie nutzbringend die Erfahrungen von
s&r auf diesen Gebieten einsetzen.
Veröffentlichung :
- Vogt, O. :
- Neue Leittechni
k für Berliner Charité
"Nutzungsdauer für 700 MSR-Anlagen um 10 Jahre verlängert"
BUS SYSTEME Berlin, 11.Jg./2004, Heft 2, S. 112-113
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